Im Restaurant (einer beliebigen osteuropäischen Hauptstadt)

I.

Platz sehen. Hinsetzen.

Kellner sieht’s nicht.

Kellner sehen. Dezent winken.

Kellner guckt nicht.

Kellner rufen. Leute gucken.

Kellner guckt nicht.

Lauter rufen. Alle gucken.

Kellner hört’s nicht.

Aufstehen. Karte holen.

Kellner kämmt sich.

Wut kocht auf. Hunger geht.

Kellner kommt.

II.

Ein großes Bier. Ein kleiner Salat.

Kellner bringt’s nicht.

Kellner rufen. Leute gucken.

Kellner kommt nicht.

Nun winken mit dem ganzen Arm.

Endlich.

Ein großes Bier. Ein kleiner Salat.

Das Eine zu kalt, das Andre zu warm.

III.

Der Teller halbvoll. Das Bierglas leer.

Die Geige schluchzt. Ein Kindlein weint.

Acht Gäste warten. Im Winken vereint.

Die Rechnung kommt. Die Mappe liegt.

Der Kellner geht.

VI.

Es liegen die Mappen. Es sitzen die Gäste.

Alle betrachten die Essensreste.

Ein Kellner naht, er nimmt die Mappen.

Der Andere kämmt sich. Das ist auch das Beste.

V.

Die Geigen verstummt. Das Kind schluchzt leise.

Die Gäste erzürnt über die Preise.

Die Kellner erzürnt über die Gäste.

Sie ließen nichts liegen, nur Essensreste.


Siegerehrung

Die Jury hat entschieden. Es war nicht leicht und ja, ich habe ein bisschen geweint

(Drama, Drama, Drama…). Aber nach reiflicher Überlegung,

einem guten Essen, einem schweren Rotwein und einer Pflegepackung für mein güldenes Haar

stand die Entscheidung:

Platz 3:

 sagt:

Hol dir die neue Daunenjacke vom K*k, hat sie gesagt.
Ist super und billig, hat sie gesagt. So eine Daunenkacke!

Platz 2:

Susanne sagt:

 Und Ihr seid Euch sicher, dass auf der Flasche “Perwoll” stand?

und der Pokal geht an:

Lo sagt:

“Guckt mal, Schwestern!

Pingi is nun auch im Klimakterium: ihre erste Hitzewelle”

Herzlichen Glückwunsch!

Allen, die Kommentare gepostet haben, vielen Dank!

Der nächste Freitagstexter erscheint spätestens am 16. März 2012 dann hier.

Pamphlet über den Unsinn von wissenschaftlichen Hausarbeiten

Das Verfassen einer studienbegleitenden, zur Erlangung der notwendigen Punkte erforderlichen Hausarbeit, gehört zu den unsinnigsten Tätigkeiten im Leben eines Studenten. Die Reglementierung der Zeit, innerhalb derer sie verfasst werden muss, der vorgeschriebene Umfang und die Erwartungshaltung des Dozenten oder der Dozentin, die sich in diesem Werk erwähnt und gewertschätzt sehen will, setzen der Kreativität und der Verfertigung der eigenen Gedanken beim Schreiben (vgl. Kleist) engste Grenzen.

Eine solche Arbeit besteht zu 90 Prozent aus der Wiedergabe dessen, was Andere in grauer oder beiger Vorzeit bereits zu diesem Thema verfasst haben. Diese Gedanken darf man kritisch reflektieren. Aber jeder Versuch, mehr als drei Zeilen eigenständig, mit eigenem Gedankengut zu füllen, muss scheitern, da man als Quelle nicht „mein Kopf“ angeben darf. Und so wird seit Jahrzehnten in diesem Land nicht mehr gedacht, sondern zitiert, paraphrasiert und gemogelt. Mogeln ist nicht kopieren. Mogeln heißt, sogenannte „graue“ Literatur, die man sowieso nicht zitieren soll (dazu gehören Zeitungsartikel, Blogs, andere Hausarbeiten etc.) auszuweiden in dem Sinne, dass man die dort zitierten Quellen als Originalquelle in seine Arbeit einbaut und die Gedanken und Ideen als Steinbruch benutzt. Das spart Zeit und Zeit ist knapp.

Da keine Bibliothek und Fernleihe es schafft, 100+ Studenten, die mehr oder weniger das gleiche Thema beackern die notwendige Primärliteratur zur Verfügung zu stellen, besteht die Recherche eines Studenten 2.0/2012 darin, das Lesbare in google.books alle drei Zeilen in irgendeiner Form in das (Mach)werk einfließen zu lassen. Die Kreativität zeigt sich hier in der Fähigkeit, die nicht abgebildeten Seiten zu antizipieren. Anders gesagt: man schwurbelt.

Spannend und erkenntnisreich wäre ein völlig anderer Zugang. Eine These zu formulieren und sich dann zu zwingen, die eigene These auf den Prüfstand zu stellen. Man käme an gewissen „Päpsten“, die man gelesen haben muss nicht vorbei, könnte aber auch Tagesaktuelles, graue Literatur, schlicht alles, was die eigene These bestätigt oder widerlegt, mit einfließen lassen. Könnte erst einmal seinen Gedanken freien Lauf lassen, etwas zu Ende denken, selber mit einem Fragezeichen der Unschlüssigkeit versehen. Stattdessen besteht ein Drittel einer solchen Arbeit in einer Hinführung zum Thema, die der Fachmann eigentlich nicht braucht und die, wenn der Laie sie verstünde, den Makel der „fehlenden wissenschaftlichen Sprache“ trüge.

Klar im Vorteil beim Verfassen solcher Arbeiten sind die, die kaum oder gar keine Probleme bei der eleganten Formulierung wissenschaftlicher Phrasen haben. Wenn dann noch korrekt zitiert wird, die Gliederung halbwegs logisch aufgebaut ist und die Form stimmt, bekommt man bereits die nötigen Punkte, obwohl man nicht einen einzigen, wirklich neuen Gedanken oder eine neue These vorgetragen hat.  Ein reines Copy&Paste zeigt weniger, dass man das Handwerk nicht versteht als vielmehr, dass die Hybris und Bequemlichkeit ausgeprägter sind als die schurkische Intelligenz.

Die Bologna Reform hat dazu geführt, das weder in die Breite, noch in die Tiefe geforscht, gedacht oder geschrieben wird. Der Schweinsgalopp, der über den Bachelor zum Master führt, hat den Namen Studium nicht verdient. Was in den letzten Jahren geschieht, hat Böll (1955) bereits im Kern in „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ zusammen gefasst. Man kapriziert sich auf exotische Nischen, in denen das Erreichen des Flaschenhalses mit der Habilitation gekürt wird. Dieses Verfahren, um ein Beispiel zu geben, läuft sinngemäß folgendermaßen ab:

Abschlussarbeit Bachelor: Die Rolle der Landschaftsbeschreibung in den Novellen von xy.

Abschlussarbeit Master: Die Landschaftsbeschreibung in xy von xy, unter besonderer Berücksichtigung von xy.

Dissertation: Die Bedeutung der Landschaftsbeschreibung in den Werken von xy vor dem Hintergrund der Möglichkeiten der filmischen Umsetzung. Dargestellt an Beispielen von xy und yx.

Habilitation: Die Landschaftsbeschreibung als stilistisches Mittel der Bewältigung von Trauer und Einsamkeit, dargestellt an den Werken von xy und xy, unter besonderer Berücksichtigung der kleinen Gesten der Protagonisten bei einer Strandwanderung.

Mit Wissenschaftlichkeit hat dies nichts zu tun. Es ist nur die unsägliche Verängerung eines Tweets, unter besonderer Berücksichtigung der Belanglosigkeit zum Zwecke der Vermehrung von Pseudo-Wissenschaftlern, die sich selbstreferenziell kommentieren und künstlich beatmen. (siehe was auch immer 2.0)

Ich bedanke mich und bin bedient.

Blöder Hund

Er will nicht. Er soll gehen, doch er setzt sich. Er wird  gezogen. Erst wird der Hals länger, dann schurren Pfoten über den Asphalt.
Immer mal wieder ein Ruck mit der Leine, der ihm klar machen soll, wer hier das  Sagen hat. Er wird gezogen. Vorbei an interessanten Gerüchen, an Artgenossen,
an Kindern, die streicheln wollen. Er versteht es nicht, versteht nicht, warum  er, als er endlich nachgibt und der Leine folgt, nicht gelobt, sondern  geschlagen wird. Nicht hart, nur ein Klaps, die Leute gucken ja schon. Er war  nicht billig, und die Leine, das Futter – alles kostet. Und wer bezahlt, bestimmt  wo’s lang geht. Und wann. Man hat ja sonst nie was zu Sagen und niemand macht,  was man will. Aber der hier, der muss machen, was man will. Zu einem aufsehen,  dankbar die Hand lecken, die das Futter hin stellt, keine Pfütze machen, nicht  bellen, nicht beißen – einfach nur machen, was man will.

Und lieben muss er  einen. Ganz doll lieben, so dass alle es sehen. Da ist einer, der mich liebt.
Und darum kann man mit ihm machen, was man will.